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Erfahrungen

Mama hat lange überlegt, ob sie ihre Erfahrungen einmal aufschreiben soll. Sie sagt immer, manche Menschen wissen gar nicht, wie viel Glück sie haben, gesunde Kinder zu haben. Aber es gibt genauso viele Menschen, die ganz lieb sind. Ich denke, ich lasse sie weiter erzählen.
Ja, in unserem Leben gibt es genauso glückliche und wahnsinnig schöne Erlebnisse wie auch negative Erfahrungen und Begegnungen, die manchmal sehr sehr nachdenklich und traurig stimmen. Sicher passiert das in jeder Familie, auch das man mal auf der Strasse auf das ach so unartige Kind angesprochen wird. Doch ich finde bei einem "gesunden" Kind hat man solch ein Situation sehr schnell wieder vergessen. Bei einem besonderen Kind aber macht es einem wieder einmal klar... wir sind anders....

Aber wo fange ich denn nun an...

Bus fahren, ja das ist so eine Sache und für mich derzeit der reinste Spießrutenlauf, nein nicht weil Adrian nicht gerne fährt, er Angst hat oder ihm gar schlecht wird, auch nicht weil das ein- und aussteigen mit dem Rehawagen ein bissel umständlicher ist, keineswegs. Vielmehr liegt es an der Begeisterung meines Sohnes. Jetzt werden viele denken, wieso, das ist doch toll, was will man mehr... Ja aber genau das ist der Grund, Adrian liebt Bus und Bahn fahren, und das teilt er seiner Umwelt auch mit, und zwar sehr energisch und laut. Nein auch das ist nicht das was mich stört. Seine wahren Begeisterungsausbrüche sind eher das Problem andere Fahrgäste und der Busfahrer. Und oft stelle ich mir dann die Frage, wie soll ich denn nun reagieren? Welche Prioritäten setzen? Soll ich meinem Sohn den Mund verbieten um des lieben Friedens willen, oder soll ich das "Gemegger" der Menschen um mich herum ignorieren? Ist sein Schreien und lautes Artikulieren nicht ebenso normal wie bei einem "normalen" (ich mag es eigentlich nicht, über normal und unnormal zu entscheiden, denn Geistig behindert ist auch normal!) Kind der Ausruf "Oh toll, wir fahren!" Würde da irgendjemand etwas sagen oder sich anmaßen über meine Erziehung (oder in deren Augen NICHTERZIEHUNG) zu richten? Wohl eher würde Kommentare wie "Oh ist das süß, wie er sich freut!" kommen. Liegt es also gar nicht an der Lautstärke, mit der mein Sohn sich freut, sondern eher an der fehlenden Fähigkeit, das Anderssein zu akzeptieren und gar damit umzugehen? Sicher, es ist richtig, manchmal ist seine Lautstärke am Rande des Akzeptablen, darf aber dann der Ausspruch auf meinen Einwand "Entschuldigung, aber mein Sohn ist behindert!" "DAS IST MIR EGAL!" kommen??? Und das von einem Busfahrer??? Auch mein Einwand, das mein Sohn auch das recht hat am öffentlich Leben teilzunehmen, kam nur der gleiche lapidare Kommentar, ich denke dazu braucht man nichts zu sagen... Leider war das nicht ein einmaliger Vorfall, im Gegenteil, so langsam glaube ich, wird das ein Machtkampf, wenn man es so bezeichnen darf. Es ist auch nicht so, das ich nicht versuche beruhigend auf meinen Sohn einzuwirken, im Gegenteil, ich versuche ihn zu beruhigen, aber je mehr man das versucht desto aufgekratzter wird er und dann testet er auch aus, na mal sehen wie weit ich gehen kann. Umso wohltuender sind dann Menschen, die einfach da sind und den Busfahrer fragen "Haben sie Kinder?" "Ja!" "Sind diese gesund?" "Ja!" "Dann seien sie glücklich darüber....." Genau diese Situation ist gestern geschehen. Was mir einerseits die Tränen in die Augen treibt zeigt aber auch wieder es gibt Menschen die ein Herz haben und verstehen.

Ich denke es war für mich einfach einmal wichtig, dies aufzuschreiben, ich würde mich wahnsinnig über Erfahrungen anderer Betroffener freuen. Mal sehen ob ich weiter schreiben werde oder ob ich es dabei belasse. Aber eines weiss ich, wir werden weiter Bus und Bahn fahren, da lassen wir uns nicht unterkriegen...


© Simone Engels 2006 - 2017