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Engelsfee

Es geschah zu Zeiten, als auf der Erde die Liebe verschwand, die Sterne der Hoffnung von Wolken verdunkelt wurden, die kein Sturm vertreiben konnte. Kälte und Härte regierte die Herzen der Menschen. Das Wort Liebe fand man nur noch in alten Büchern, die auf irgendeinem Dachboden unter einer dicken Staubschicht dem Verfall und der Zeit trotzten. In jener Zeit, als die Maschine PC mehr und mehr das Leben der Menschen bestimmte, Menschen nur noch den heiligen Bund der Ehe eingingen, um eine Zweckgemeinschaft zu gründen, regieren und regiert werden an der Tagesordnung war, Tränen das gleiche Phänomen darstellten, wie blutweinende Madonnen in den Kirchen kleiner italienischer Dörfer, beschloss Gott, einen Engel auf die Erde herab zusenden, der den Menschen die Liebe wiederbringen sollte. Jedoch stellte ihn die Frage, den Richtigen auszuwählen vor eine fast unlösbare Aufgabe. Es musste ein besonderer Engel sein, den Gott sandte.

Doch die Zeit wurde knapp. Er war der Überzeugung, dieser Engel müsse stark sein und die Kraft haben härter zu sein als die Menschen. Als er diesen Gedanken äusserte, richteten sich die Blicke aller Engel auf ihn. Eine Stimme ertönte, leise, verschüchtert. "Oh Herr, Du hast recht, er muss etwas ganz besonderes sein. Aber wie soll er das Eis schmelzen, wenn er genauso kalt ist, wie die Liebe wiederbringen, wenn er genauso hart ist?" "Du hast Recht", sprach Gott, "Du hast erkannt, wen die Menschen brauchen, Dein Herz ist voll Liebe!" Der Engel wich zurück und senkte den Kopf, "Oh Herr, mein Herz ist nicht nur voll Liebe auch Trauer ist darin." "Ich weiss", erwiderte Gott, " genau deswegen bist Du der Engel, den ich suche!" "Aber wie soll ich den Menschen die Liebe wiederbringen, wenn genau diese mich so verletzt hat?!?" "Weil Du stark bist", sprach Gott, "Du hattest den Mut mir zu widersprechen." Der kleine Engel senkte den Blick noch mehr, die Schwere der ihm auferlegten Last lies die kleinen Schultern sinken. Doch plötzlich sah er auf. "Wenn ich den Mut hatte, gegen Dich den allmächtigen Gott zu sprechen, dann sollte es doch eine Leichtigkeit sein den Menschen die Liebe wiederzubringen." "Dies wird keine leichte Aufgabe sein", widersprach Gott. Die Zuversicht wich aus den Augen des Engels, und zögernd erwiderte er, "vielleicht hast Du recht, wie soll ich den Menschen die Liebe wiederbringen, wenn sie mir gar nicht zuhören?" Gott sprach: "Du wirst ihnen zuhören." Der Engel schaute ihn an, "Ich ihnen zuhören, oh Herr? Ich denke ich soll ihnen die Liebe wiederbringen?" "Ja, ihnen zuhören", Gott sah den Engel an, in dessen Augen Unverständnis stand. "Sie sind es nicht gewohnt, dass jemand ihnen zuhört, es ist lange her, dass die Menschen untereinander Verständnis aufbrachten!" "Aber was soll das nützen", sprach der Engel. "Wir wissen doch, was ihnen fehlt!" Gott sprach, "Ja, wir wissen was ihnen fehlt, der Glaube an die Liebe und der Glaube an Gott." Erstaunt sah der Engel auf. "Der Glaube an Gott. Ich dachte, oh Herr, ich soll ihnen die Liebe wiederbringen? Und den Glauben an Gott?" "Ja", sprach der Herr, "wenn sie den Glauben an die Liebe wieder finden, werden sie auch wieder an uns glauben, denn es wird ihnen wie ein Wunder erscheinen." Und so geschah es, dass zu jener Zeit ein Engel auf die Erde gesandt wurde. Ihm wurden seine Flügel genommen, denn erst wenn er seine Aufgabe erfüllt hatte, sollte er in den Kreis der Engel zurückkehren. Er wusste, die Zeit drängte. Die Menschen drohten zu erfrieren. Nichts und niemand konnte ihn aufhalten. Die Engel sahen von oben herab, und Gott sprach, "Ihr werdet sehen, er ist es, der die Menschen rettet."

Je näher der Engel der Erde kam, desto kälter wurde ihm.
Zur gleichen Zeit begab es sich, dass auf der Erde auch der letzte Mensch den
Glauben an die Liebe zu verlieren begann. Der Engel spürte diese letzte Chance, wenigstens diesen einen Menschen vor der Kälte zu bewahren. Doch er wusste nicht, wo er suchen sollte. Zweifelnd an sich selber, zweifelnd an seiner Kraft sah er auf und sprach, "Oh Herr, wo soll ich auf dieser grossen Erde diesen einen Menschen rechtzeitig finden?" "Durch Deine Liebe", sprach Gott. "Durch meine Liebe?", ungläubig und fragend hob der Engel seinen Blick noch weiter. "Ja", sprach Gott, "durch Deine Liebe." "Wie aber soll ich diesen Menschen erkennen?" "Er wird Dich erkennen! Wenn er Deine Nähe spürt, wird er Dich um Rat fragen. Doch sei vorsichtig, sein Glauben an die Menschen ist ins Wanken geraten." "An die Menschen? Aber ich bin doch ein Engel!" "Ja“, erwiderte Gott, "aber er wird Dich nicht als solchen erkennen! Er wird misstrauisch und vorsichtig sein, er wird Dich immer wieder testen und in Frage stellen. Du musst Geduld mit ihm haben und Dir sein Vertrauen erarbeiten!" "Oh Herr, warum ist dieser Mensch so misstrauisch?" fragte der Engel.
Gott erwiderte: "Er hat vertraut, er hat geliebt und ist enttäuscht worden. Er erfriert, obwohl er liebt. Jetzt beeil Dich, Du hast keine Zeit mehr!" Der Engel schaute unglücklich zu Gott auf. "Wie soll ich es schaffen, dass er mir vertraut? Dass er je wieder vertraut, je wieder liebt?" Der Herr sprach darauf, "Du wirst instinktiv das richtige tun, Dein Gefühl wird Dich leiten, Dein Herz Dir sagen was Du tun sollst." Erstaunt antwortete der Engel, "mein Herz wird mir sagen was ich tun soll?" Gott schmunzelte, doch das konnte der kleine Engel nicht sehen.
" Geh nun Deinen Weg." Während der Engel verzweifelt in sich hineinhorchend, verzweifelt auf ein Zeichen hoffend, bittend jeden Menschen ansehend auf der Erde umherirrte, richteten sich unzählige fragende Augenpaare auf Gott. "Ja", was ihr denkt ist richtig", sprach er, "auch er wird den Glauben an die Liebe wieder finden." "Aber, oh Herr, wenn er seine Aufgabe auf Erden erfüllt und den Menschen die Liebe wiedergegeben hat, soll er da nicht in den Kreis der Engel zurückkehren? Würden er und der Mensch da nicht wieder verletzt werden?" Gott lächelte, er sah sich um und sprach, "Seine Aufgabe ist es, die Liebe zu leben, den Menschen zu zeigen wie man Liebe lebt, und diese Aufgabe wird nie enden.“
Zur gleichen Zeit auf der Erde, die Kälte wird fast unerträglich, irgendwo sitzt ein Mensch, frierend, zitternd, weinend. Während die Tränen über seine Wangen laufen, verliert er den Glauben, den Glauben an die Liebe, den Glauben an die Menschen die er liebt, den Glauben an den Menschen den er liebt. Sein Blick wird immer trüber, auch der letzte Funken Hoffnung weicht daraus. Mit einemmal spürt der Engel ein Gefühl, das ihn verunsichert. Er schaut sich um. Dort sitzt ein Mensch, den Kopf in die Hände gestützt, tief gebeugt, mit bebenden Schultern. Soll das der Mensch sein, den Gott meint. Langsam geht er näher. Beobachtet ihn. Sieht die Tränen, als die Frau den Kopf hebt, die Verzweiflung in ihren Augen, sie sind gebrochen vor Schmerz. Ein warmes Gefühl flutet durch das Herz des Engels, er hat den Menschen gefunden…………………

Autor: Simone Engels


© Simone Engels 2006 - 2017